Noch bis zu dem Baum da vorn. Dann dreh ich um.

Das hab ich mir an dem Nachmittag im März 2024 bestimmt zwanzigmal gesagt. Schwarzwald, ich mit Jeans und Turnschuhen auf irgendeinem Trampelpfad, auf dem seit Monaten keiner mehr gelaufen war. Bäume quer, alles zugewachsen. Und ich mittendrin, nicht sicher, ob ich überhaupt noch richtig bin. Was hatte ich mir dabei nur gedacht?

Ich wollte zum Buchkopfturm.

Warum, weiß ich selbst nicht so genau. Ich war zum zweiten Mal zum Schweigeretreat in Bad Antogast und hatte nach dem Mittagessen noch zweieinhalb Stunden freie Zeit. Ich wollte raus, laufen, bei mir sein, den Kopf frei kriegen. Und damit ich nicht ziellos durch die Gegend irre, hab ich mir ein Ziel gesucht. Von den Wiederholern habe ich erfahren (am ersten Tag darf noch geredet werden), dass der Turm weder besonders schön, noch gut ausgeschildert ist. Trotzdem, ich wollte da hin. Laut Google dreieinhalb Kilometer weg, die Wanderschilder sagen fünfeinhalb – wird schon passen.

Im ersten Jahr hab ich ihn nicht gefunden.

Ich bin den Rundweg in die falsche Richtung gelaufen. Hab’s auch vermutet: ging zwar bergauf, aber weg vom Turm. Handy oder andere Menschen nach dem Weg fragen, war während der Schweigezeit natürlich keine Option. Naja, dachte ich, wird schon. Wurde nicht. Irgendwann stand ich unten an den Feldern der Bauern und wusste: falsch. Ich hab’s an dem Tag noch ein paarmal versucht. Aber den richtigen Weg hab ich einfach nicht gefunden.

Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, kann ich recht stur sein. Um nicht zu sagen, perfektionistisch. Es fiel mir wirklich schwer, da oben nicht die ganze Zeit weiterzusuchen, bis die Pause vorbei ist und ich am Ende frustriert zurück latsche, weil ich den Turm ja doch nicht gefunden habe. Aber ich war ja hier, um mich besser kennenzulernen, bewusste Entscheidungen zu treffen und zu lernen, aus meinen Mustern auszusteigen. Also habe ich mich gefragt, was ich denn eigentlich wollte. Es war der einzige sonnige Tag der ganzen Woche, sonst hat es nur geregnet – ich wollte raus. Laufen, allein mit mir, den Kopf frei.

Das hatte ich. Nur der Turm fehlte. Also gab ich der Perfektionistin in mir das Versprechen, dass falls er mir doch wichtig sein sollte, ich den Turm ja nächstes Jahr suchen könnte. Denn dass ich wiederkommen würde, das stand fest.

Auf dem Rückweg war mein Ehrgeiz dann wieder geweckt. Wenigstens das Schild wollte ich finden, an dem es in die andere Richtung geht. Damit ich wusste, wo ich im nächsten Jahr starte.

Ein Jahr später stand ich also wieder da. Gut gelaunt, beim richtigen Schild.

Fing total gut an. Dann, nach zwanzig Minuten etwa, die nächste Gabelung: Aber der Turm war auf einmal nicht mehr ausgeschildert, nur noch der gelbe Rauten-Rundweg. Geradeaus ging es offiziell weiter, aber wieder bergab, wieder weg vom Turm. Und ich dachte: Nee, das lassen wir mal lieber. Das haben wir letztes Jahr schon gemacht. Ich lauf jetzt nach Gefühl.

Ich wusste ja ungefähr, wo ich hin muss. Die Himmelsrichtung und nach oben. Also bin ich kreuz und quer gelaufen, mal auf dem gelben Rauten-Rundweg, mal auf einem anderen, dann wieder auf irgendwelchen Trampelpfaden. Die ganze Zeit dieser Zweifel: Bin ich jetzt noch richtig?

Ich hatte die Zeit im Blick. Ich wusste, wann ich zurück sein muss, und dass ich den ganzen Weg genauso auch wieder zurücklaufen müsste, weil ich keine Abkürzung kannte. Also hatte ich mir eine Grenze gesetzt: Wenn du den Turm bis dann und dann nicht findest, kehrst du um. Noch bis zu der Kurve… Noch bis zu dem Baum…

Und dann hörte der Trampelpfad, auf dem seit Monaten offensichtlich keiner mehr gelaufen war, einfach auf. Vor mir eine steile Wand, nach links nichts, nach rechts nichts.

Okay. Und jetzt?

Ich hab nach oben geschaut und über mir einen Weg entdeckt. Also bin ich in Turnschuhen und Jeans auf allen vieren die Wand hoch und stand plötzlich wieder auf dem gelben Rauten-Weg.

Links oder rechts? Schon wieder… Ich war mir sicher, der Turm müsste fast genau über mir sein. Ich entschied mich für links. Noch bis zu dem Baum, dachte ich, dann probier ich die andere Richtung. Und da zweigte auf einmal ein Weg schräg nach oben ab. Und da stand was.

Ein kleiner, selbstgebastelter Turm. So ein Mini-Ding, von irgendwem hingestellt. Und ich dachte: Wenn der hier steht, führt der Weg wohl zum großen. Tat er. Eine Viertelstunde später war ich oben.

Ich bin nur kurz raufgestiegen. Der Turm an sich war mir ja nie so wichtig. Wichtig war: Ich schaffe das, ich finde den allein und ich kann mir was zutrauen. Ich hab ein Foto vom Ashram gemacht, da unten im Tal, hab mich gefreut, und bin wieder runter.

Zurück bin ich dann brav den gelben Rauten gefolgt. Und das war fast das Spannendste an der ganzen Sache. Getreu dem Motto: Wir können das Leben nur vorwärts leben und rückwärts verstehen, konnte ich sehen, wo ich vorhin (falsch) abgebogen war und gedacht hatte: nee, da nicht. An manchen Stellen hab ich gesehen, dass ich viel einfacher oben gewesen wäre, wenn ich da einfach weitergelaufen wäre. An einigen Punkten habe ich es mir selbst unnötig kompliziert gemacht, weil ich meinen eigenen Weg gegangen bin.

Aber er hat mich ja trotzdem hingebracht!

Und das gilt nicht nur für Wanderwege, sondern oft auch für das eigene Leben. Wenn ich spüre, dass die Richtung stimmt, dann bin ich äußerst hartnäckig. Dann hab ich Geduld und Ausdauer. Ich bin mutig und wachse über mich hinaus. Und ich kann mein Recht-haben-wollen loslassen. Wenn sich etwas falsch anfühlt, geh ich ein Stück zurück und mach woanders weiter. Und wenn es sein muss, fang ich auch nochmal ganz neu an. Immer wieder.

Warum ich dir all das erzähle? Vielleicht musst du es gerade lesen, oder jemand, den du liebst. Ich glaube, dass jede*r diese Momente kennt, in denen man zweifelt, der eigenen Intuition nicht mehr traut und fürchtet an irgendeiner Stelle total falsch abgebogen zu sein.

Mir jedenfalls ging es damals genauso. Ich hatte mich verlaufen, ich hab gezweifelt und bin auf allen vieren eine Wand hochgekrabbelt. Und trotzdem hab ich mich auf eins verlassen können: Auf mich. Darauf, dass ich den Weg schon finden werde. Vielleicht nicht den einfachen, den perfekten. Dafür meinen ganz eigenen – auf meine umständliche, kreuz-und-quere Art.

Du musst nicht den Weg gehen, den alle gehen. Du darfst deinen eigenen gehen. Auch wenn er länger dauert. Auch wenn du zwischendurch zehnmal denkst, du bist falsch.

Manchmal steht da plötzlich so ein kleiner, schiefer Turm. Und der zeigt dir, dass du die ganze Zeit richtig warst.

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